Lyrix Gedichtwettbewerb 2015
Im September 2015 war der vom Deutschlandfunk ausgerichtete Bundeswettbewerb für junge Dichterinnen und Dichter „lyrix“ im Frankfurter Goethe-Haus zu Gast. Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren konnten sich mit einem selbst verfassten Gedicht zum Thema „Vielleicht ist Heimat…“ bewerben.
Mit dem interkulturellen Thema des Wettbewerbs „Vielleicht ist Heimat…“ wurde nach den verschiedenen Vorstellungen von Heimat gefragt. Wie würden junge Schreibende diesen Satz vervollständigen? Haben sie eine Heimat oder mehrere Heimaten? Was gibt ihnen das Gefühl von Heimat? Was ist das „Eigene“, was das „Fremde“, wenn man an Heimat denkt? Welche Chancen bieten sich, wenn das „Eigene“ und das „Fremde“ in einen Dialog treten? Als Schreibinspiration dienten Goethes Erstdruck des "West-östlichen Divans" aus der Bibliothek des Freien Deutschen Hochstifts und das Gedicht „Möglicherweise ganz und gar“ von der Offenbacher Lyrikerin Safiye Can. Die Betreuung des Projekts im Freien Deutschen Hochstift lag in den Händen von Emek Sarigül, die in den Jahren 2014 und 2015 als Stipendiatin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main zum Thema „Kulturelle Vielfalt und Migration“ im Goethe-Haus beschäftigt war. Von ihr stammte auch die Idee, die Titelseite von Goethes Lyrik-Sammlung und das Gedicht von Safiye Can als Ausgangswerke anzubieten.

Johann Wolfgang von Goethe: West-östlicher Divan, Stuttgart, Cotta 1819
Möglicherweise ganz und gar
Vielleicht ist Heimat eine Zeile Kurt Cobain
ein Vers Attilâ Ilhan
eine tausendjährige Sehnsucht, ergraut das Haar
der Regenduft auf dem Ackerland
ein Blick aus dem Fenster, schwarzweiß
ein Furchenweg mit Laub am Herbsttag
oder Onkel Cemil mit Wollmütze, wenn er lacht.
Vielleicht ist Heimat die Sternschnuppe
aus Llorett de Mar
diese eine Millisekunde oder die Republik Adygeja
ist die Stadtbibliothek Offenbach
mit Ernst Buchholz darin
oder der Haustürschlüssel, ausgehändigt
dem Exilanten.
Vielleicht ist Heimat eine todernste Sache
mit Schnauzbart
oder ein barfußgelaufenes Stück Seebrücke
die Zerbrechlichkeit der Mohnblume
unsrer Kindheit
ein Callithrix jacchus, ein Weißbüschelaffe
oder ein Hello-Kitty-Luftballon
versteckt sich gar in Zuckerwatte.
Vielleicht ist Heimat ein Nomade mit Tukumbut
rastet hier und dort
oder ein Mickey Mouse-Shirt und Schnürschuhe
an der Ostsee
und das Haar zum Zopf geflochten
ist ein zersprungenes Glas auf das man tritt
jener unverhoffte Stich in der Brustgegend.
Vielleicht ist Heimat das Hineinfallen ins eigne Bett
nach Partynächten, Jeans und Sneakers noch an
und innehalten und innehalten.
Ist ein tanzendes Paar selbstvergessen im Tangotakt
der weißbraune Anblick zweier Pferde
manchmal der Frankfurter Flughafen Halle B
oder einfach nur Fouzias Stimme.
Vielleicht ist Heimat die Wurzel aus Acht
oder ein rüsseliges Ding mit Zimt obendrauf
ist ein Chamäleon, das sich angleicht.
Vielleicht aber ist sie Frau Grün
vom Erdgeschoß, die über alle schimpft
vielleicht.
© Dichterin Safiye Can
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Zahlreiche junge Schreibende haben sich am Wettbewerb beteiligt. Wir freuen uns, hier die fünf Gewinner-Gedichte präsentieren zu können:
Vielleicht ist Heimat nur ein Wort
Heimat ist ein Wort, für das
es in den meisten Sprachen keine
Übersetzung gibt. Ist Heimat also
typisch deutsch? Mitnichten.
Und doch lässt sich auch auf Deutsch
vortrefflich über Heimat dichten…
„Denn es geschieht, dass man von diesem leisen
und zarten Windhauch fort sich ziehen lässt.
So geht der Geist im Leben oft auf Reisen,
doch etwas in der Seele hält uns fest.“
Heimat ist es, wenn der Deutsche
am Sonntagnachmittag spazieren geht
und beglückt vom bunten Glanze
an der Blumenwiese steht.
Ist es noch Heimat, wenn am nächsten Sonntag
von dieser Blütenpracht nichts mehr zu sehen,
weil auf der Wiese große Zelte
als Heimat nun für tausend Heimatlose stehen?
Und ist es eigentlich noch Heimat, wenn
vor siebzig Jahren sogenannte Heimatvertriebene,
die hier eine neue Heimat fanden, wenn
diese nun als erste und am schlimmsten
gegen jene tausend Heimatlosen schimpfen,
die hier eine neue Heimat suchen?
„Heimat ist verstecktes Streben
nach Verwurzelung der Welt.
Heimat finden, Heimat leben,
die Heimat ist es, die uns hält.“
Vielleich ist Heimat gar kein Ort.
Vielleicht ist Heimat nur ein Wort.
Christian Bernert, Jahrgang 1997
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Vielleicht ist Heimat...
Das Haus, in dem du lebst.
Die Geräusche.
Das Tapsen kleiner Füße auf Steinboden
Das Sprudeln im Wasserglas
Das Entfalten eines zerknüllten Papiers
Als würden die weggeworfenen Ideen
leise meckern.
Die Gerüche.
Das Fach mit den Gewürzen darin
Die Lösung für zu wenig Zeit
Die lachenden Lillien
Die jeder fürchterlich findet
und doch niemand wegschmeißt.
Die Augenblicke.
Der Staub, der im goldenen Lichtstrahl schwebt Der einsame Küchentisch Der Mond, der nachts über dich wacht, Und der Schokoladenkuchen, der Opfer eines brutalen Anschlags geworden ist.
Die Erinnerungen.
"Mach die Musik leiser!"
"Gute Nacht, Schatz."
"Wir haben uns auseinander gelebt."
"Wie war dein Tag?"
"Ich hasse dich."
"Ich hab dich lieb."
"Ich mache mir Sorgen."
"Lass uns eine Höhle bauen!"
"Wir sind spät dran!"
"Wann kommst du nach Hause?"
"Mach's gut!"
"Es tut mir leid."
Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht bemerkst du irgendwann,
Während du wartend am Fenster sitzt,
versuchst den Blumen zuzuhören,
an deinem Wasserglas riechst
und nicht mehr weißt,
wie Mondschein schmeckt
( - süß und traurig zugleich),
dass Heimat kein Ort ist,
Sondern ein Gefühl.
Vivian Knopf, Jahrgang 1999
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o.T.
ich ging von dort nach hier
und machte aus dem nirgendwo
ein irgendwo, wo ich sein möchte
an meine H e i m a t bindet mich nicht mehr
als eine Geburtsurkunde
ich habe den Glauben an ein Zuhause wiedergefunden
hier oben, zwischen Wald, Wodka und
der finnischen Einfachheit des Lebens
die alte Welt existiert nur in der Vergangenheit
und auf gepunkteten Linien
ich konstruiere mir die neue
aus den besseren Molekülen
Patricia Machmutoff, Jahrgang 1996
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Heimat
Vielleicht ist Heimat - "Was heißt vielleicht?",
Hört man den dreisten Dresdner sagen,
"Heimat sind - das ist doch ganz leicht -
Die abendländischen Werte."
Auch der Asylkritiker aus Heidenau meldet sich zu Worte:
"Heimat ist Nation und Volk für immerdar,
Und was nicht, obwohl im Land, wird bejubelt zum brennenden Orte,
Dass niemals der Mensch vergesse, was Großdeutsche Größe war!"
"Mia san mia!", hört man sie in Bayern feiern,
"Heimat ist Weißwurst, Bier und Kraut
Sowie Betreuungsgeld und Maut,
Denn Deutschland wär' nichts ohne Bayern!"
So leb' ich dahin, ganz ohne Nation und Stolz,
Ohne Region im Gefühl, ohne Religion im Herz.
Weder zugewandt bin ich heimischem Holz
Noch fühle ich, wenn die eigne Mannschaft verliert, den Schmerz.
Denn Heimat ist nicht an den Ort gebunden:
Wo das Haus sich aus dem Wald erhebt,
Der Mensch die nächtlichen Straßen belebt,
Der Wanderer den Sand in der Wüste verweht
Und der Menschheit Werk den Gedanken säht,
Dass der Nationen Grenzen seien verschwunden,
Hält Elysiums Tochter die Flügel geweitet
Und hat die frohe Kunde verbreitet,
Dass Heimat genau dort zu finden ist,
Wo der Mensch Bruder des Menschen ist.
Jonathan Pernaß, Jahrgang 1998
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[auf dem bahndamm]
auf dem bahndamm hinterm haus ziehen züge überland
bringen ratternd diesen ort ins wanken lassen einen leichten wind
zurück der die scheiben klirren lässt. bist du noch da? fragt mutter
und tastet nach dir. und hier sind die gepackten koffer
und die fremde hinterm hauptbahnhof. wenn ich bleibe
kommst du dann zurück? aber du bist längst ein rattern
hinterm haus als mutter ihre koffer packt und in die andre richtung fährt.
draußen ziehen die septembervögel knapp der hitze hinterher
heimwehkrank nach einem heim das niemand kennt.
Ansgar Riedißer, Jahrgang 1998
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Schreibwerkstatt zum Wettbewerb mit Safiye Can am 08.10.2015
Ergänzend zum Wettbewerb fand im Goethe-Haus unter dem Titel „Vielleicht ist Heimat …“ eine Schreib-Werkstatt für Schülerinnen und Schüler statt, die von der Lyrikerin Safiye Can geleitet wurde. Hier finden Sie Eindrücke und zwei der entstandenen Gedichte aus der Werkstatt.
Die Dichterin Safiye Can und Teilnehmer der Werkstatt


Heimatmonolog
Vielleicht ist Heimat ein Teller Pasta Rigatoni
Giovanni mit der Vespa
Signorinas mit zwinkernden Röcken auf der Piazza
,,Ciao Bella´´, hallt es von den Straßen.
Vielleicht steckt Heimat in der prallen Sonne
im weißen Sand, im rauschenden Meer.
Oder sie ruht in schmalen Gassen
in den Briefen vom Postmann
begleitet von Rap-Musik
aus den Boxen des Komm Centers.
Vielleicht aber ist Heimat
ein brennendes Asylantenheim
inmitten von Europa.
Raffaele Perretta, 16 Jahre
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Zahnradgetriebener Vogel
Tick… Tack… Tick… Tack…
Auf dem Pflaster der Zeit
Die Zeit schreitet
Voran Richtung Veränderung
Geborgen im vertrauten Käfig
Geborgen unter dem tränennassen Dach
Wenn die Tropfen auf das Dachfenster
Prasseln… der Hagel, sanfte Töne
Geborgen im gebeulten Käfig
Geborgen im wandelnden Heim
Wenn die Wärme durch das Dachfenster
Brennt – die Leidenschaft, trommelnde Fäuste
Ticketacketicketacke, tacke, tacke, tacke, tacke…
Ein Ort, mein Ort, so viel, zu viel
Vertrautes Vergessenes verwoben mit Verbundenem, Mit…
Teilung, Änderung mit, durch Zeit und Gefühl
Hin und her und hin und her
Der Käfig brennt, die Stäbe glühen
Die wohlig vertraute Hitze durchdringt
Den liebenden Körper, der sich an Stäbe schmiegt
Flattert umher, sucht nach einem Heim
Nach Schutz und Freiheit – der Flügel brennt
Immer wieder gegen das Dach
Kein Mensch erkennt das Leid des Vogels
Der Boden bricht, der Vogel fällt
Bunte Federn fliegen... sinken... fliegen
Doch eine Hand, vertraut, hält den Vogel
Nun kann er behütet dort liegen
Louisa Arndt, 16 Jahre
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Safiye Can
Geboren in Offenbach am Main.
Studium der Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft an der Goethe Universität in Frankfurt am Main, Kuratorin der Zwischenraum-Bibliothek der Heinrich-Böll-Stiftung und Mitarbeiterin der Horst Bingel-Stiftung für Literatur. Ihr erster Lyrikband „Rose und Nachtigall“ erschien 2014 im Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, und wurde innerhalb kurzer Zeit zum Bestseller. Zuletzt erschien der Gedichtband „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht“ (2015). Safiye Cans Arbeitsgebiete sind Lyrik, Prosa, literarische Übersetzungen und Collagen. Ihre Gedichte wurden in verschiedene Sprachen übersetzt.

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