Schreibkultur im Deutschunterricht

Methodische Hinweise zum Fortbildungsworkshop „Schreiben als Kulturtechnik“ im Frankfurter Goethe-Haus am 20. Mai 2011

 

Ritualisieren

Das Schreiben braucht im Deutschunterricht einen festen Ort, d.h., eine Unterrichtsstunde, in der regelmäßig geschrieben, korrigiert und überarbeitet wird.

 

Schreibanlässe

Schreibanlässe gehen aus dem Unterricht hervor. Die Produkte könne sich aus literarischen Texte ergeben (Er-weiterungen, Veränderungen, Perspektivwechsel etc.) oder aus Tagesereignissen oder Sachthemen. Sie können selber literarische Darstellungen sein oder in der Form von Sachtexten, Meinungen oder Kommentaren vorgelegt werden. Die Schüler sollten an der Themen-findung beteiligt sein.

 

Literarisches Gespräch

Zur Vorbereitung kreativer Schreibanlässe empfiehlt sich das „Literarische Gespräch“.1 Dabei liest der Lehrer einen literarischen Text vor und moderiert das anschließende Schülergespräch, ohne sich mit steuernden oder bewertenden Äußerungen einzuschalten. Wenn etwas unklar ist, bittet er um Präzisierung. Die Schüler haben den Text nicht vor sich liegen und sind so besser in der Lage, sich zu allem, was sie gehört haben, frei zu äußern. Aus diesen freien Äußerungen ergibt sich für die Gruppe gewöhnlich nach einiger Zeit eine erste Textinterpretati-on, die mit Hilfe eigener kreativer Schreibversuche präzi-siert werden kann.2 Das anschließende Werkstattge-spräch überprüft den Bezug der kreativen Texte zum lite-rarischen Ausgangstext.

 

Werkstattgespräch   

Die freien Texte werden in einem Werkstattgespräch in der Gruppe vorgestellt. Der Autor liest seinen Text und leitet anschließend das Gespräch.
Es ist wichtig, dass bei der Besprechung eine bestimmte Reihenfolge eingehalten wird: Zuerst muss ausführlich gelobt werden, dann folgen die Fragen zum Text und schließlich Kritik und Korrektur. Das Wichtigste ist das Lob. Kritik und Korrektur dienen als Anregung zur Überarbei-tung des Texts.
Besonders das Lob sollte genau sein. „Ich finde den Text gut“ reicht nicht aus. Daher empfiehlt sich die Ver-wendung ritualisierter Redemittel, die die erforderliche Genauigkeit erzeugen. Sie sollten im Raum aushängen.

1.Lob

 

+   Mir hat gut gefallen, dass du/ wie du …

2.Fragen   

 

 

?Kannst du die Stelle … noch mal vorlesen? Wie heißt eigentlich dein Schlusssatz? Ich hab nicht genau verstanden, … Mir ist nicht klar, …

3.Kritik

 

-Mir hat nicht so gut gefallen, …

4.Korrekturen    

 

Ich glaube, in dem Satz mit … ist ein Grammatikfehler.

Die Zeichen dienen als Hilfsmittel für Notizen während des Vorlesens.

 

Überarbeitung

Im Anschluss an das Werkstattgespräch werden die vor-gestellten Texte nach den Anregungen und Korrekturen überarbeitet. Die Überarbeitung kann erneut in einem kleineren Kreis von Mitschülern vorgestellt oder einem Arbeitspartner vorgelegt werden. Daraus kann sich eine weitere überarbeitete Fassung ergeben.

 

Reinschrift

Die fertigen Produkte sollen in einer Reinschrift vorgelegt werden, die formalen Anforderungen genügt. Je nach Gruppe und Altersstufe kann das ein mit Feder und Tinte oder Füller geschriebenes Produkt auf unliniiertem wei-ßem oder Pastell-Papier (mit Linienblatt) sein oder ein Computerausdruck nach Durchlauf des Rechtschreib-programms in einem Layout, das die rasche Sinnent-nahme unterstützt - d.h. keine Font-Parade unleserlicher Schriftarten auf ungeeignetem Papier - und sich ohne Schriftverlust abheften lässt.

 

Dokumentation, Veröffentlichung

Jeder Schüler legt sich einen besonderen Ordner an, in dem er seine freien Texte abheftet (Portfolio-Methode).
Die besonders gut gelungenen durch die Gruppe aus-gewählten Texte können je nach Gruppe, Altersstufe und Gegebenheiten an der Wand des Arbeitsraums veröffentlicht werden – daraus ergibt sich die Möglich-keit eines Austauschs in der Gruppe über das geeignete Textformat – oder sie werden in einem besonderen Ord-ner gesammelt. Diesen Ordner braucht man auch zum anschließenden Abheften der ausgehängten Texte.
Einmal im Jahr können die besten Texte in einem Buch zusammengefasst werden.

 

Methodische
Details:
Umfang,
Textform,
Aufgabenstellung,
Organisation.

Die freien Texte sollten nicht länger als eine DinA4-Seite sein. Das zwingt beim Schreiben zur Konzentration auf das Wesentliche und lässt sich im Werkstattgespräch gut bearbeiten. Sie sollten jede geeignete Form annehmen können (Lyrik, Prosa, Dialog, Tagebucheintrag, Brief, Ab-handlung, Streitschrift, Kommentar …) Über mögliche Themen und Darstellungsweisen wird gemeinsam ge-sprochen. Der Lehrer gibt keine Aufgabenstellung, son-dern der Schüler entscheidet, worüber er schreibt.
Bei den Werkstattgesprächen sollte man Abstand nehmen von jeder Art der flächendeckenden Veranstal-tung, d.h., es müssen durchaus nicht alle Texte der Gruppe zu einem Thema vorgestellt werden. Es kann entweder eine Vorauswahl durch Tisch- oder Kleingrup-pen geben oder es lesen diejenigen vor, die meinen, einen besonders guten Text geschrieben zu haben, oder die an der Beurteilung ihres Produkts durch die Gruppe interessiert sind. Dazu könnte es einen Aushang geben, in dem man sich zu den anstehenden Terminen eintragen kann.
Wer noch nichts vorgestellt hat, wird aufgefordert, das zu einem der nächsten Termine zu tun.

 

Ziel und Gewinn

Das Etablieren einer Schreibkultur im Deutschunterricht gibt den Schülern Gelegenheit, Unterrichtsangebote nachhaltig auf ihre Weise zu verarbeiten. Im Werkstatt-gespräch werden die Ergebnisse gewürdigt und beur-teilt, ohne dass man sich mit seinen Äußerungen unmit-telbar dem Notendruck aussetzen muss. Im Laufe dieses ritualisierten Verfahrens stellen sich Kriterien für das Schreiben von Texten her und die Schreibfähigkeit wird maßgeblich verbessert.

 



1 Merkelbach, Valentin (1995): Zur Theorie und Didaktik des literarischen Gesprächs. In: H. Christ u. a.: „Ja aber es kann doch sein ...“. In der Schule literarische Gespräche führen. Frankfurt: Lang, S. 12-52
Merkelbach, Valentin (2002). Das literarische Gespräch im Unterricht. In: Ossner, J., Rosebrock, C. u. Pieper, I. (Hg.). Interpretationen und Modelle. CD-Rom. Berlin: Cornelsen.

2 Zur Texterschließung durch kreatives Schreiben: Ulrike Eisenträger, Methodische Vorschläge zur Textsammlung. Wilhelm-Meister-Projekt. Ich will ABER, Frankfurter Goethe-Haus, Freies Deutsches Hochstift, Mai 2010
 

 

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